Wabi-Sabi und die Kunst der Einfachheit

Aktualisiert: 3. Juli 2018

..oder wie ein Kapitel eines Buches ein Leben verändern kann



Es ist noch gar nicht so lange her, als mir dieser Begriff zum ersten Mal begegnet ist. 

Ich hatte mir eine Lektüre, um es genauer zu sagen ein sündhaft teures Buch gekauft, ganz banal um im Urlaub etwas zum Lesen zu haben. Ein Buch über die #Fotografie. Es ging darum, seinen ganz eigenen Weg zu finden, sein eigenes Ich in seine Bilder zu packen um so einen gewissen Wiedererkennungswert herauszuarbeiten.

Ich las darin, ich machte die Übungen die im Buch beschrieben wurden. Irgendwie machte ich mich dabei wohl auch oft genug zum Affen, weil ich Dinge fotografierte, die wohl kein Mensch je #fotografieren würde. Dinge die einfach zu banal waren um  überhaupt irgendein Interesse bei den Menschen zu wecken. 

Die Gegend in der wir waren, war wirklich wunderschön und ja, ich habe es genossen, mir den warmen Wind um die Nase wehen zu lassen und die Landschaft dabei zu betrachten. Fotografieren wollte ich sie aber irgendwie nicht. Wenn ich es dann aber trotzdem tat, gefielen mir die Bilder hinterher nicht. Es waren mir einfach zu viele Bildinformationen, zu viele Eindrücke die mich verwirrten und meinem Blick keine Ruhe schenkten. 

Und ich suchte die Ruhe um nicht sagen zu müssen, ich brauchte sie. Mein Alltag zu hause fraß mich auf obwohl ich eigentlich nichts zu tun hatte, außer wieder gesund zu werden.  Ich wurde angetrieben von dem Gedanken doch irgendwie funktionieren zu müssen, Dinge zu machen um von anderen akzeptiert und geschätzt zu werden aber immer mit dem innerlichen Widerspruch in mir, dass ich gar nicht bin was ich tat. Wer oder was ich aber war, dass wusste ich eigentlich gar nicht. 


 

Je weniger Ruhe ich empfand, desto "nichtssagender" wurden meine Fotoobjekte. Es frustrierte mich zusehend, dass ich augenscheinlich noch nicht mal in der Lage war, schöne interessante Bilder zu machen. Bilder die ich dann auch zeigen konnte, Bilder die die Menschen ansprechen würden. 


Ich machte mich selbst klein, zog meine Schultern in Richtung Brustkorb um nicht gesehen zu werden, nicht gesehen in meiner ganzen Zerrissenheit. Fühlte mich hilflos und schlimmer, irgendwie wertlos. Wertlos für diese Gesellschaft in der nur Leistung zählt. Leisten konnte ich aber schon lange nichts mehr. 

Also fotografierte ich einfach weiter meine augenscheinlichen Nichtigkeiten, zeigte sie aber niemanden. Es lenkte mich etwas ab, zeigte mir aber immer deutlicher, dass es eigentlich keinen Sinn machte es zu tun. Ich wusste einfach nicht wohin mit mir, wusste nicht was ich mit meinen Bildern anfangen sollte. Insgeheim wusste ich aber ganz genau,  dass ich sie, sobald ich wieder zu hause war, sowieso löschen würde.  Was die Sinnlosigkeit meines Handelns nur noch deutlicher werden ließ. 

Ich fotografierte Steine, Ausschnitte von Mauern - eigentlich einzelne Steine in der Mauer -Grashalme und Blumen die noch nicht verdorrt waren, kleines Treibholz am Strand um dann wieder Steine zu fotografieren. Und trotzdem fühlte ich mich bei aller Belanglosigkeit immer noch gehetzt und gestresst. Angetrieben von einem sinnlosen Leistungsdenken und alten falschen Glaubenssätzen.






Und dann war es einfach da, dieses eine ganz besondere Kapitel des Buches. 

Ich saß eines morgens alleine am Strand und las wie sooft in diesem Buch. Schon bei den ersten Sätzen fühlte ich mich angezogen. Nein, es war tatsächlich die Überschrift des Kapitels.

"Die Ästetik des Unvollkommenen....oder weswegen das perfekte Bild un-perfekt sein sollte." 

 Es war als ob mir jemand einen Spiegel vorhält und meine innere Zerrissenheit mit dieser Welt aufzeigt.  Meinen Kampf, mit den Anderen mithalten zu müssen, ohne es überhaupt zu wollen. 

Es zeigte auf, dass ich mein Leben damit verbracht hatte, etwas zu tun, was mir so in dieser Art nie etwas bedeutet hatte. Ich es aber tat um anderen zu imponieren, von anderen gemocht zu werden. Ich suchte die Bestätigung im Außen ohne mir je bewusst zu machen, dass mein Herz schon lange wusste was ich wirklich brauchte um glücklich zu sein aber mein Kopf mir immer etwas anderes zuflüsterte.  

Es waren diese uralten Glaubenssätze so sein zu müssen wie mich die Welt haben möchte, so zu funktionieren, dass ich möglichst viel für die Gesellschaft leiste, so sein zu müssen um anerkannt und beachtet zu werden aber so bin ich eben nicht. Mein Herz strebt nicht nach Perfektionismus und Anerkennung sondern nur nach der innerlichen Freiheit so sein zu dürfen, wie ich bin. 


Das Konzept des Wabi-Sabi​ ....oder was es aus mir machte, als ich mich darauf eingelassen hatte



Wabi-Sabi ist keine Kunstrichtung sondern vielmehr ein japanisches Konzept. Eine philosophisch-ästhetische Idee, die als Ausgangspunkt mit der Unvollkommenheit und der Schönheit des Un-perfekten spielt.  Es ist eine besondere Art seine Umgebung wahrzunehmen beziehungsweise sie zu gestallten.  Vielleicht ist dieses Konzept für manch westlich denkenden Menschen auch etwas zu abstrakt, nicht greifbar genug...  Die Grundlagen von Wabi-Sabi bilden Themen wie die Einfachheit, Natürlichkeit und die Vergänglichkeit. Was aber in unserer schnelllebigen Zeit ein heftiger Kontrast zu der perfekten Hochglanzoptik unserer aufs Geld fixierten Gesellschaft steht. 



Die 3 allgemein gültigen Weisheiten der Lehre des Wabi-Sabi:



Nichts bleibt 
 Nichts ist abgeschlossen 
 Nichts ist perfekt 



"Beschränke alles auf das Wesentliche, aber entferne nicht die Poesie. Halte die Dinge sauber und unbelastet, aber lasse sie nicht steril werden".



Wabi-Sabi steht mit seinem Kontext der Wahrnehmung, seinem Verständnis für die Schönheiten unserer Natur und unserer Gedanken, im direkten Kontrast zu unserer heutigen Konsumgesellschaft. 

Wer entscheidet denn wann eine Blume wirklich schön ist oder ab wann sie zum Abfall und somit uninteressant wird. Wer gibt uns denn vor, was wir als Schön empfinden und was treibt uns an scheinbar Un-perfektes zu verstecken, damit es unsere Mitmenschen nicht sehen?  Ist denn eine Blume, die während der Blüte unser Herz erfreut, am Ende ihrer Tage nichts mehr wert? Oder erzählt sie uns, wenn wir genauer hinsehen, nicht eher eine Geschichte?...Eine wertvolle Geschichte über den Kreislauf des Lebens, der Vergänglichkeit und des Stolzes. 



Während ich so dasaß und über das Gelesene nachdachte, wurde mir bewusst warum ich mein Leben mit all meinem Bestreben als anstrengend und krankmachend empfand. Ich war gefangen in einer Welt die nicht meine war. War gefangen in der Annahme, dass ich funktionieren musste, wie man es erwartet aber so ist es eben nicht.

Meine Augen und mein Herz suchten immer nur die Ruhe, unbewusst den scheinbaren, für mich aber schönen  Makel in den Dingen, das Un-perfekte im scheinbar Perfekten und die Geschichten hinter den Fassaden ..ja auch hinter den Masken der Menschen.


Mein Herz und meine Augen waren überdrüssig vom Hochglanz unserer Zeit. Sie haben mir lange, bevor ich es selbst begreifen konnte, zeigen wollen was mir Ruhe, Zufriedenheit  und Glück schenkte. 


Nach diesem Buch


Nachdem ich dieses Kapitel gelesen hatte, legte ich das Buch auf die Seite und begann mich mit dem Thema näher zu befassen. Es war wie ein Wendepunkt. Der Punkt an dem ich aufhörte anderen hinterher zu laufen, aufhörte andere zu beneiden, weil das Leben ihnen angeblich besser gesonnen war, aufhörte mich dafür zu schämen, dass ich nicht mehr die Leistung aufbringen konnte....wichtiger als das alles war aber, dass ich aufhören konnte mich selbst als nicht liebenswert zu betrachten. Ich habe angefangen für meine eigenen Werte, nicht für die der Gesellschaft, einzustehen und diese auch umzusetzen. 


Wabi-Sabi hat meinen Blickwinkel auf mich selbst und auf die Gesellschaft verändert. Es hat mir geholfen meine fotografischen Strukturen und ja, auch meinen Blick auf die Welt anzunehmen und Wert zuschätzen was ich tue.  Stück für Stück habe ich mich dadurch von den Erwartungen und der Kontrolle anderer oder um es besser auszudrücken, der Gesellschaft gelöst.


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